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Robert Habeck - und Politik-Stil

Veröffentlicht am 19.04.2022

Der Wahlsieger. – Die ZEIT 13.04.22 Seite 6

 

„Das Besondere und mithin Habecktypische ist allerdings, dass der Minister die Wahrheiten nicht verkündet, sondern vielmehr herbeireflektiert.“ und „Er analysiert die Dilemmata, in denen er sich als Politiker bewegt, er legt seine Zweifel offen und erklärt …“ sind für mich zwei aufeinanderfolgende Schlüsselsätze im lesenswerten Artikel von Robert Pausch.

Warum: Politik ist nie alternativlos – ein Wort, das von Angela Merkel, die ich sehr schätze, leider missbraucht wurde. Es gibt immer Alternativen. Oft sind diese sehr viel schlechter als andere Wege, manchmal liegen dort aber auch signifikante Vorteile – je nach dem aus welchem Werteschema heraus man die Sache betrachtet.

Genau dieser Abwägungsprozess ist für eine Demokratie so existenziell wichtig – und wie die Habeck-Resonanz zeigt – auch vermittelbar!

Ich war jahrelang in der Kommunalpolitik aktiv und bin einer großen Partei durch Mitgliedschaft verbunden. Was mich immer gestört hat, ist der Habitus: „Wir wissen, wo es langgeht – und die anderen haben es nicht begriffen.“, der in der Regel vorgetragen wird ohne eine Diskussion über Gründe, Aspekte, Vor-und Nachteile zu suchen, denn wer „zu uns gehört“, braucht keinen transparenten Abwägungsprozess, denn er weiß ja Bescheid was richtig und was falsch ist.

Wo kommt es wohl her, dass wir in den sozialen Medien so viel Hass, Niedertracht und noch viel mehr herabwürdigende und wertschätzungsfreie Formulierungen finden? Die Presse und die Partei-Politik leben massiv genau dieses Muster mit wenigen wohltuenden Ausnahmen vor – wenn auch ein wenig disziplinierter.

Ein Kulturwandel täte einer auch künftig bzw. weiterhin erfolgreichen Demokratie den Humus pflegen, denn auf dem harten Schotter kantiger „Wahrheiten“ und „alternativloser“ „Lösungen“ wächst kein grünes Gras – geschweige denn nahrhafte vitaminreiche Frucht.

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In welcher Welt leben wir eigentlich?

Veröffentlicht am 01.04.2022

„In welcher Welt leben wir eigentlich?“ – fragt sich so mancher angesichts einer Corona-pandemie, die nicht enden will und nun auch noch Krieg vor der Haustüre. Dass es in ferneren Ländern „kracht“, da haben wir uns daran gewöhnt …

Warum – ist die Frage, die sich aufdrängt. Wenn das „Warum“ eine Antwort findet, so die Vermutung, wäre das der Schlüssel um in Zukunft Vorsorge treffen zu können. Die Frage hat aber auch Risiken: Scheinantworten, die das Gemüt befriedigen, sich aber nicht eignen wirksame Vorsorge zu treffen, machen es am Ende nur schlimmer. Die bittere Enttäuschung folgt irgendwann und erschüttert das Vertrauen in die Quelle der (Schein-)Antwort. Das heißt natürlich nicht, dass wir nicht im Rahmen unserer Möglichkeiten Vorsorge betrieben und Hilfe leisten wollen und können.

Ich sehe nur zwei Aspekte, die mir helfen können:

Das Vertrauen auf Gott ist der eine. Inhalt des Vertrauens ist für mich nicht, dass es kein Unheil gibt oder geben wird. Inhalt des Vertrauens ist die Erkenntnis, dass wir Menschen zwar viel Wissen angesammelt haben. Und trotzdem ist dieses Wissen nicht geeignet, die Welt zu erklären. Nicht, weil wir noch zu wenig wissen, sondern weil – auch in der Naturwissenschaft – das Wissen an prinzipielle Grenzen stößt. Auch die scheinbar so exakte Naturwissenschaft kommt in der Beschreibung der materiellen Welt nicht ohne widersprüchliche Aussagen aus. Physiker packen das „Problem“ in Begriffe wie „Dualismus“ oder „Unschärferelation“ und finden dabei ihren Frieden damit. Ja, man kann Wissenschaft sehr wohl mit Unschärfen und Widersprüchlichkeiten „versöhnen“. Wichtig ist auch hier auch Widersprüche als Teil der Wahrheit zu integrieren, anstatt diese zu verdrängen.

„Gott“ – wofür steht dieser Begriff? In der Bibel ist es eine schöpferische Kraft, die alles Sein geschaffen hat. Und es ist eine personale Kraft, der wir wie einem „Du“ begegnen dürfen, ohne ihn je (vollständig) erkennen zu können. Dem „Du“ ordnet die Bibel Eigenschaften zu die da sind: Liebevoll, heilbringend, gütig und stets zur Vergebung und Versöhnung bereit. Auch das findet Entsprechungen in der uns umgebenden realen biologischen und physikalischen Welt einen „Widerhall“. Das Leben, das uns umgibt und dessen Teil wir sind gründet sich ganz wesentlich auf Kooperation und Symbiosen – Wirtschaftsleute sprechen von „win-win-Situationen“, wenn sie fruchtbare Kooperationen eingehen. Unlängst habe ich gelesen, dass auch unser Körper als „Funktions-Gesamtheit“ mehr Zellen von Gästen (Bakterien und andere Mikroorganismen, die die Lebensfunktionen unseres Körpers erst ermöglichen, weil dieser die Stoffwechselprodukte dieser Organismen braucht und selbst nicht herstellen kann) enthält als eigenen Körperzellen.
Oh – wenn wir doch von diesem grandiosen Design der Schöpfung Gottes, der Evolution, der Biologie, deren Teil wir sind, lernen würden … anstatt ständig auf Kosten anderer zu leben. Den Weg dorthin hat Jesus von Nazareth in seinem Lebenszeugnis skizziert und uns zudem die Zusage gemacht, dass wir ihm vertrauen dürfen.
Im Gleichnis spricht er: „Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel kostbarer als sie?“ (Mt. 6,26). Natürlich sagt das nicht, dass wie planlos in den Tag hineinleben sollten. Es weist vielmehr darauf hin, dass kluge Vorsorge nur darum funktionieren kann, weil die Natur uns so reich beschenkt. Gehen wir sorgsam und wertschätzend mit ihr um! Suchen wir nach naturverträglichen Wegen, die Weltbevölkerung zu ernähren, vermeiden wir Verschwendung und die Zerstörung unserer eigenen Lebensgrundlagen! Lösen wir uns vom überbordenden Konsum, der uns nur auf Kosten anderer möglich ist und der uns von anderen unnötig abhängig macht, wie wir jetzt wieder einmal – voraussichtlich schmerzlich – erleben und erleben werden. Die Verwerfungen, die der Ukrainekrieg zur Folge haben wird, wird uns die eine und anderer „Zumutung“ abverlangen …  

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Veröffentlicht am 21.02.2022
Soziale Taxonomie - eine Intiative der EU für eine Klassifizierung von Firmen bzüglich nachhaltigen und sozial verantwortlichen Aspekten im Hinblick auf Investorenentscheidungen - siehe Link: https://www.cric-online.org/.../827-soziale-taxonomie... regt den Widerspruch von Wettbewerbs-Hardlinern. Hierzu Gedanken von mir:
Es gibt Kosten, die die Allgemeinheit trägt, und dabei solche, die sofort anfallen und andere, die mit Verzögerung anfallen. Der Klimawandel ist z.B. ein Kostenfaktor, der verzögert - und dann u.U. unumkehrbar - eintritt. Es ist recht und billig, wenn Verursacher diese Kosten zum Zeitpunkt der Verursachung tragen - ein Grundprinzip der Marktwirtschaft. Nur dann bilden die Preise die wahren Kosten ab.
Diese Kosten in das System einzubringen ist nicht ganz einfach - aber notwendig, wenn man zum Ziel hat, dass die Nutznießer auch die Kosten zu tragen haben, d.h. wenn man will, dass diese Kosten nicht auf andere abgeladen werden - andere Generationen, Menschen, die keinen Einfluss auf die Kaufentscheidungen hier und heute nehmen können und damit keinen Einfluss darauf haben, durch Kaufentscheidungen Folgekosten zu vermeiden.
Nur wenn dieser leider etwas komplexe Zusammenhang im Marktgeschehen abgebildet wird, können die Regelungsprozesse, die sich daraus ergeben, das leisten, was freie Marktwirtschaft als Ziel proklamiert, nämlich, dass sich Kreativität und Unternehmertum zum Wohle aller - auch über Zeitepochen gesehen - entfaltet.
Das hat ökologische und soziale Aspekte.
Wenn ich ein Produkt kaufe, möchte ich sicher sein, dass damit keine anderen Menschen ungebührlich ausgebeutet werden, weil internationale Wirtschaftsstrukturen ihnen kein Gewicht im System geben. Wenn ich ein Produkt heute kaufe, will ich sicher sein, dass damit kein Ökosystem zerstört wird und unsere Vielfalt natürlicher Biodiversität verschwindet. Ich will nicht, dass hohe Lebensqualität zerstört wird, die u.a. darin besteht, dass mich morgens ein Vogel mit seinem Gesang begrüßt. Es ist ein Elend, dass die wunderschöne Flora der alpinen Blumenwiesen und die damit verbundene wunderschöne Insekten-Fauna, die ich als Kind und Jugendlicher liebte, von einer "modernen" Landwirtschaft beseitigt wurden. Dieser Verlust lässt sich nicht durch ein noch so Ps-starkes Auto oder ein noch so faszinierendes Computerspiel oder noch so tolle Schnittblumen aus Afrika ausgleichen. Es bleibt ein schmerzlicher Verlust!
Und natürlich will ich mein Geld defintiv nicht in Unternehmen investieren, deren Tun das zerstört, was mir im Leben wichtig ist und meinen ethischen Werten und meiner Verantwortung als Christ entspricht (https://www.bibleserver.com/LUT/Matth%C3%A4us25%2C31). Und das kann ich nur dann umsetzen, wenn ich erkennen kann, welche Werte die Unternehmen neben der Gewinnmaximierung nicht nur in Glanzprospekten versprechen, sondern tatsächlich auch umsetzen. Das ist zwingend notwendige Transparenz im Finanzmarkt, denn soziale und ökologische Verantwortung ist nicht eine "Sonderaufgabe" für Staat, NGO´s, Kirchen und Idealisten, sondern muss integraler Bestandteil unserer Wirtschaftordnung werden.
Unsere Wettbewerbsvorstellungen sind überholt. Was Darwin formulierte und zum Dogma der ungezügelten Marktwirtschaft wurde - das Primat des Stärkeren als Motor einer Entwicklung zum Wohle aller, hat sich längst überlebt. Ein Modellierer - Dirk Brockmann - zeigt in seinem Buch über "unsere komplexe Welt" auf, wie die Systematik der Evolution, der biologischen Entwicklung nicht primär auf Wettbewerb, sondern auf Kooperation und Symbiosen aufbaut. Das lässt sich über mathematische Modelle und viele Beispiele aus der Pflanzen- und Tierwelt schlüssig darstellen.
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Kooperation und andere Zusammenhänge

Veröffentlicht am 22.01.2022
Ich habe von meiner Tochter ein hochinteressantes Buch zu Weihnachten bekommen: Dirk Brockmann, Im Wald vor lauter Bäumen - unsere komplexe Welt besser verstehen", das ich dieser Tage ausgelesen habe.
Modellierer, die sich komplexer Wirkungszusammenhänge mit Hilfe von mathematischen Modellen, die meist recht einfachen Regeln gehorchen, annehmen und so nachweisen oder mindestens plausibilisieren können, dass solche einfachen Regeln recht gut das Schwarmverhalten von Tieren, die Abläufe bei Panik-Unfällen im Menschengedränge, Parallelen zwischen der Entwicklung des Sandhaufen in einer laufenden Sanduhr und der Etwicklung eines Walldbrandes, den Verlauf einer Pandemie wie auch die erfolgreichen Strategien im kooperativen biologischen System unserer Lebenswirklichkeit hier auf der Erde beschreiben und erklären können.
Ein Fazit: Nur kooperative biologische Gesellschaften haben die Chance erdgeschichtlich lange zu überleben. Das System Mensch gehört ganz offensichtlich nicht dazu und wird erdgeschichtlich eine kleine Episode von wenigen hundert Jahrtausenden bleiben. Das andere Leben dieses Erdballs wird sehr gut ohne uns auskommen.
Nun denn - wer von uns denkt schon in Jahrtausenden, wenn er über das eigene Leben und das seiner Lieben nachdenkt. Trotzdem wäre es sehr "elegant" wenn die Menschheit aus den erfolgreichen Strategien der kooperativen Zusammenarbeit biologischer Systeme etwas für eigene Strategien lernen würde.
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Ist Gott allmächtig?

Veröffentlicht am 22.01.2022

Ist Gott Allmächtig?

„ja“ sagt unser apostolisches Glaubensbekenntnis gleich zu Beginn: „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen“ und danach folgt „den Schöpfer des Himmels und der Erde“.

„nein“ sagt unser Gefühl und auch unsere Lebenserfahrung. Zu viel geschieht auf dieser Welt, was mit dem Bild des allmächtigen und zugleich guten und liebenden Gott kaum vereinbar ist! Unrecht, das Menschen ihren Mitmenschen antun. Leid und Elend durch Hunger, Gewalt, Naturkatastrophen und all die Unzulänglichkeit, die nicht nur in jeder Nachrichtensendung zentrales Thema ist, sondern auch in jeder privaten Biografie bei  Festreden, einer Laudatio zur Verabschiedung verdienstvoller Menschen oder zum runden Geburtstag eines Familienangehörigen höflich verschwiegen wird.  Eine ehrliche Begegnung mit sich selbst und eine ehrliche Sicht auf Mitmenschen muss zu dem Schluss kommen, dass Gott entweder nicht allmächtig oder aber nicht nur gut und liebend ist, sondern auch abwesend, gleichgültig oder sonst irgendwie seine Allmacht nicht dazu nutzt, um dem Guten und Heilen zur uneingeschränkten Dominanz zu verhelfen.

Und was sagt die Bibel?

Wenig! Das Wort Allmacht oder allmächtig (oder vermutlich auch eine sinngleiche andere Formulierung?) finden sich – lässt man eine Suchmaschine eine digitale Bibel durchsuchen – nur an ganz wenigen Stellen:

2Mak 1,25 der du allein alle Gaben gibst, der du allein gerecht, allmächtig und ewig bist, der du Israel erlöst aus allem Übel, der du unsere Väter erwählt und sie geheiligt hast;

Sir 19,20 Alle Weisheit besteht in der Furcht des Herrn, und zu aller Weisheit gehört das Tun des Gesetzes [und die Erkenntnis seiner Allmacht].

Jdt 13,4 Als sich nun alle entfernt hatten und niemand mehr zurückgeblieben war, vom Kleinsten bis zum Größten, da trat Judit an sein Bett heran und sprach in ihrem Herzen: Herr, du Gott aller Macht, sieh in dieser Stunde gnädig herab auf das Werk meiner Hände, zur Erhöhung Jerusalems!

Möglicherweise gibt es weitere Stellen, die in anderer Übersetzung auf das Suchwort angesprochen hätten – aber die Fülle an Fundstellen, die angesichts der zentralen Position im Glaubensbekenntnis zu erwarten wäre, gibt es nicht. Die Verbindung aus „Allmacht“ und „Gut“ hat angesichts der wenigen Fundstellen ihren Glanz verloren:

5Mo 10,17 Denn der HERR, euer Gott, ist der Gott aller Götter und der Herr über alle Herren, der große Gott, der Mächtige und der Schreckliche, der die Person nicht ansieht und kein Geschenk nimmt.
Als „der Mächtige und der Schreckliche“ wie auch der Unbestechliche (der kein Geschenk annimmt) ist Gott bei 5. Mose 10,17 beschrieben.

Zurück zum Glaubensbekenntnis: Ein weiteres Attribut wird hier Gott zugeordnet: „Der Schöpfer des Himmels und der Erde“.  Hierzu finden wir in der Genesis zwei Erzählungen und in der gesamten Bibel so manchen interpretierenden Bezug. Denkt man Gott aus dieser Sicht heraus, wird die Eigenschaft „allmächtig“ überzeugend.

Diese Sicht wird ergänzt durch das Bild, das die moderne Physik und deren Welterklärung beschreibt. Wenn man diese dann gleichermaßen als Gottes Schöpfung begreift, entstehen ergriffenes Staunen und  Ratlosigkeit gleichermaßen:

Materie, Zeit und Raum sind nach der Erkenntnis der Elementarteilchenphysik, die eng verknüpft ist mit der Astrophysik , so eng untereinander verbunden, dass ohne Materie (und physikalische Energie) weder Zeit noch Raum existieren. Ein vorher und nachher (Zeit) und ein hinter mir, neben mir, über mir oder unter mir (Raum) sind schlicht ohne Materie nicht existent. Das wiederum erschüttert die Basis unsers Denken, unserer Logik: „zeitlich vor dem Urknall“ ist z.B. aus physikalischer Sicht eine unsinnige Aussage, weil „vor dem Urknall“ Zeit gar nicht existiert. Ebenso unsinnig ist „außerhalb des Universums“, weil räumlich außerhalb der Wirkung von Materie (Gravitationsfelder, die sich auch nur mit Lichtgeschwindigkeit ausbreiten, also niemals den gesamten denkbaren Raum ausfüllen können) Raum gar nicht existiert. Und diese unfassbaren Aussagen der Physiker greifen bis in die hier und heute genutzten technischen Systeme hinein: Das satellitengestützte Navigieren funktioniert nur dann in der notwendigen Genauigkeit, wenn in den Berechnungen die Tatsache berücksichtigt wird, dass gemäß der Relativitätstheorie die Zeit in den Satelliten und die Zeit auf der Erdoberfläche in unterschiedlicher Geschwindigkeit verstreichen.

Daraus leitet sich ab, dass das, was wir als Logik, für die es z.B. immer ein Vorher und Nachher, ein Unten und Oben gibt, begreifen, nur ein sehr begrenztes Werkzeug ist, wenn es darum geht, die materielle Welt zu begreifen und definitiv unzureichend ist, wenn es darum geht „darüber hinaus“ zu denken. Legen wir also unsere Logik getrost bei Seite? Auch das ist uns nicht möglich, denn unsere Logik ist eine wesentliche Grundlage unserer physischen Existenz. Ich kann keinen anderen Weg erkennen, als die Logik anzuwenden und sich gleichzeitig bewusst zu sein, dass diese Logik „zu klein“ ist, um die Wirklichkeit über das Materielle hinaus zu erkennen. „zu klein“ heißt, dass logische Widersprüche Teil physikalischer Erkenntnis sein können (und sind: für Physiker das Stichwort „Dualismus Welle-Teilchen“). Wieviel mehr sind dann logische Widersprüche auch als Teil der göttlichen Wahrheit mitzudenken. Über das Materielle hinaus denken wir definitiv, wenn wir uns über Gott, über die Entstehung der Welt und über die Ewigkeit (was auch immer das sein mag) Gedanken machen.

Wenn aber Dimensionen wie Ewigkeit als Teilaspekt der Zeitlosigkeit, Allgegenwart als Teilaspekt der Unendlichkeit und Schöpfer-Gott als Teilaspekt der Allmacht Gottes unserem logischen Denken nicht zugänglich sind, müssen wir erkennen, dass unser Zugang zu diesen Aspekten des Seins auf einer anderen Ebene liegen muss und liegt. Welche könnte diese sein?

Die Bibel erzählt eine Heils(?)-Geschichte, die aus vielen Geschichten besteht. Jesus erzählte  Gleichnisse. Unsere Träume und unsere Seele  sprechen in Bildern zu uns. Unsere Intuition spürt Stimmungen. Schweigen kann sehr kraftvoll sein. So viel in unserem Sein liegt jenseits gedanklicher Logik. Begeben wir uns auf Glatteis, auf sumpfiges und gefährliches Gelände, wenn wir diesem Raum geben?

Und auf dem Waschzettel des Buchs „Unberechenbar“[1] von Harald Lesch und Thomas Schwarz findet sich der Text: „Das Leben, individuell und kollektiv, ist mehr als eine Gleichung[2], es ist vielmehr ein Wechselspiel von Gesetzen und Bedingungen – und darin liegt auch immer das Potenzial für Neues. Eine kleine Veränderung bedingt eine größere Veränderung und erzeugt neue Bedingungen und Optionen, obwohl sich an den Gesetzen selbst nichts verändert hat. Unberechenbarkeit bedeutet Freiheit und nicht zuletzt auch Vielfalt.“

Vieles aber nicht alles in unserem realen Leben lässt sich logische Gedanken fassen, in Algorithmen programmieren und berechnen. In o.g. Buch „unberechenbar“ beschreiben die Autoren, wie viele wichtige Aspekte unseres Lebens und Wirtschaftens  rein logischen Aspekten nicht zugänglich oder nicht vollständig zugänglich sind. Sie sind viel mehr von Intuition, Gefühlen, Einschätzungen, Glaubenssätzen (auch jenseits der Religiosität!) und psychischen Prägungen und der Wechselwirkung zwischen Du und ich bestimmt.

Ich denke, auch unsere Frage nach Gott und dessen Allmacht ist nicht primär oder vielleicht nur sehr wenig dem logischen Denken zugänglich. Und das ohne dabei „unlogisch“ zu sein. Unlogisch widerspricht der Logik. Das ist etwas anderes.

Danella Medows, die federführende Mitautorin von „Grenzen des Wachstums“ (Club of Rome) schreibt in ihrem post mortem erschienen Buch „Grenzen des Denkens“[3]  davon ,dass die stärkste Kraft für menschliche Veränderungs-Potentiale darin liegt neue Paradigmen, Grundvorstellungen für das Leben als Individuum und als Gesellschaft zu finden. Solche Paradigmen sind keine Handlungsanweisungen auf sachlogischer Basis, sondern eher bildhafte Vorstellungen davon, was sinnhaft, gut und zukunftsfähig sein könnte. Das was wir auch Grundwerte nennen, liegt sehr nahe dabei.

Und genau auf dieser Ebene liegt auch all das, was wir als Gottesbeziehung, Glauben und Religion nennen. Diese ist keine „Welt“, die sich sachlogisch erschließen lässt. Sie ist dennoch nicht unlogisch, nicht Träumerei, nicht Hirngespinst, sondern wirkmächtiger Teil des real existierenden Seins. Und diese Dimension des Seins unterliegt  nicht den Grenzen der Physik, der Logik und der Formulierbarkeit. Für uns Menschen ist das schwer zu ertragen und gleichzeitig auch befreiend.

„Und wenn Gott allmächtig ist – warum macht er dann nicht, dass …“ Bei Schicksals-Schlägen, Katastrophen, Gewalt-Tätigkeit und Kriegen drängt sich diese Frage auf – vor allem, wenn man Gott auch noch die Eigenschaften gut, gütig und gnädig zuordnet, die in der Bibel vielfach dokumentiert sind. Und selbst wenn man zur Kenntnis nimmt, dass in der Bibel auch von einem strengen und strafenden Gott die Rede ist, ist allein damit die „wenn-Gott-allmächtig-ist“ – Frage nicht zufriedenstellend beantwortet, denn er ist in der Bibel eben auch als gerecht beschrieben. Und die Gerechtigkeit ist dort auch als der Maßstab für Strafen und Vergeltung genannt, so dass dieses Argument immer dann nicht überzeugt, wenn Not und Elend Menschen trifft, die im Glauben stehen – also in besonderem Maße Zugang zur Gnade haben – und obendrein vielleicht auch noch einen „gottgefälligen“ Lebenswandel pflegen – also auch seine Güte „verdient“ haben.

Dies führt zu einem weiteren Aspekt:  Gott hat in der Genesis dem Menschen Verantwortung übertragen: Er durfte die Tiere und Pflanzen benennen – was einer gewissen Inbesitznahme entspricht. Und wer Besitz hat, ist für diesen Besitz verantwortlich. Mit dem Auftrag „seid fruchtbar und mehret Euch“ und „macht euch die Erde untertan“ gibt Gott Verantwortung an die Menschen ab. Dies heißt zwingend auch, dass Gott damit freiwillig einen Teil seiner Macht an den Menschen abtritt, denn ohne eine Handlungsvollmacht kann kein Auftrag ausgeführt werden. Und der Auftraggeber geht immer auch das Risiko ein, dass der Auftragnehmer in einer Weise handelt, die nicht der Intension des Auftraggebers entspricht. Verantwortung beinhaltet immer auch ein gewisses Maß an Freiheit – und eben auch die Freiheit den Auftrag falsch zu erfüllen. Das unterscheidet den freien Bürger vom Sklaven, der ohne jede Entscheidungsfreiheit nur der „verlängerte Arm“ seines Herrn ist.

Dieser Aspekt ist geeignet einen Teil der „wenn-Gott-allmächtig-ist“ – Frage zu beantworten. Der Rest bleibt ein Geheimnis. Oder anders formuliert: Der Rest ist auch dem geschuldet, dass unsere Logik zu „klein“ ist, um das materielle Universum (die Schöpfung) vollständig zu begreifen (siehe oben). Wie sollten wir das vollständig verstehen können, das unser materielles Universum übersteigt. Hier beginnt Vertrauen, die Beziehung zu einem Du auf Augenhöhe, das uns Gott in der Bibel anbietet und das von Jesus mit sichtbarem Leben erfüllt wurde.

Christian Hennecke schreibt in seinem Buch „Glauben mit Vision“: „Dennoch glaube ich, dass die Zukunft des Glaubens nur mit einem neuen Verständnis des Gehorsams zu fassen ist. Gehorsam ist dann aber nicht ein hierarchisches Machtinstrument, sondern die Ermöglichung und Verwirklichung der göttlichen Freiheit: Es geht darum immer wieder genau hinzuhören auf die Liebe, die zu mir spricht, auf das Wort Gottes, das mich im inspirierenden Geist zu mehr Liebe führt – auf die Menschen und Situationen, in denen der Geist Gottes mich anspricht und uns anweht, damit wir gemeinsam angemessen handeln können.  …“[4]

Und Jörg Zink formuliert in seinem Buch „Die Urkraft des Heiligen“ unter der Überschrift: „Unsere Vorstellungen von Gott werden immer zu klein sein“ folgende Gedanken: „ … Die Bilder von Gott, die uns überliefert sind, reichen nicht mehr zu, um uns zu zeigen, wer Gott sei. … Die kleine Welt früherer Zeiten war wie ein Haus vorgestellt, dessen Hausherr Gott genannt wurde. Unsere Welt ist inzwischen über alle Vorstellbarkeit ins Unendliche und kaum mehr Ahnbare hinaus explodiert, Gott aber ist uns immer noch der Hausvater unserer kleinen, vertrauten Welt.“[5]

Ist Gott allmächtig? – vermutlich ja – aber mit unserer Logik können wir Gott nicht begreifen und beherrschen. Wir können uns  vertrauend darauf einlassen und Kraft daraus schöpfen und in der fühlenden Hinwendung zu Gott seine Größe erahnen.

 

 

 



[1] Harald Lesch und Thomas Schwarz, Unberechenbar, Verlag Herder GmbH, 2020

[2] Gleichung: Eine mathematische Darstellung der Logik unserer Gedanken

[3] Die Grenzen des Denkens: Wie wir sie mit System erkennen und überwinden können | Meadows, Donella H | ISBN: 9783865811998 2010

[4] Christian Hennecke, Glauben mit Vision, Güthersloher Verlagshaus © 2018

[5] Jörg Zink , Die Urkraft des Heiligen, Kreuz Verlag GmbH & Co © 2003

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