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Abgeschweift zu Gott

 

Gedanken-Fragmente zum Vater Unser

Sprecher 1 (S1):

Wie schon so oft, saß ich unlängst wieder einmal in einem Gottesdienst in einer der großen Kirchen.

Es war der übliche Ablauf und ich versuchte fromm und andächtig dem Geschehen beizuwohnen. Ich muß gestehen, daß mir das manchmal schwer fällt, weil die Floskeln und Verse, die Redewendungen und Geschichten, der Predigtstil und die vermittelten Inhalte, weil sie alle schon so bekannt sind.

Da schweifen meine Gedanken ab, weg von der Lesung, weg von der Predigt, hin zu der Auseinandersetzung mit meinem schwierigen Kollegen am vergangenen Donnerstag und hin zu dem Gespräch, das ich übermorgen zu führen habe mit noch ungewissem Ausgang. Da fällt mir wieder die Fernsehsendung von gestern abend ein und ich wandere auf dem Gedankenpfad des Filmhelden, stoße auf die Begegnung mit diesem hübschen Mädchen und überlege plötzlich, was wohl deren Freundin gedacht haben mag, als ....

 

Die Fürbitten, holen mich zurück zu dem Geschehen, das um mich herum abläuft.

Sprechergruppe (S2):

"... für alle, die krank und verlassen sind ..."

S1:

Ich bitte nachdrücklich mit und beginne zu sinnieren, wieso denn Gott immer noch so viele Menschen krank und verlassen sein läßt, wo wir doch schon so oft diese Bitte ausgesprochen haben.

S2:

" ... für alle, die Gott suchen und nicht finden können ..."

S1:

Ich bitte wieder heftig mit - oder lasse ich für mich bitten?

 

Unsicher schaue ich mich um. Hoffentlich hat meinen Gedanken niemand bemerkt, denn wer hier ist, der hat doch gefunden ...?

Habe ich Gott gefunden? "Gott bist Du von mir gefunden worden?"

 

So beginne ich mein eigenes Gebet, mein eigenes Gespräch mit Gott und lasse der Zeremonie um mich herum wieder ihrem Lauf - ohne mich.

 

"Gott, hast Du mich gefunden? Gott, wie kann ich das feststellen?"

 Wieder schau ich mich vorsichtig um: Wie es meinem Nebensitzer wohl geht? Ob bei dem alles klar ist? Oder ob der ielleicht änliches denkt?

 

"Gott, ist das nur bei mir so, daß ich das alles nicht so genau weiß, obwohl ich schon so viele Jahre immer wieder hierher komme, um Dir Gott - im Gottesdienst - zu dienen?" ...

 

"Dienen? Welchen Dienst erweisen wir Dir, Gott, im Gottesdienst?

Oder erweist Du uns einen Dienst im Gottesdienst?"

"Vater unser im Himmel ..." begann die Gemeinde laut zu sprechen und ich versuchte den tausendmal gehörten und gesprochenen Text mitzusprechen. Aber meine Gedanken waren nicht bereit dazu. Wieder gingen sie auf eigene Wege:

 

S2:

 

"Vater unser im Himmel ..."

 

S1:

"Vater

Ja ich weiß, Vater, so hast Du uns durch Jesus das Beten gelehrt.

Vater, Du ein Vater?

Darf ich auf Deinen Schoß sitzen?

mich an Dich kuscheln?

bei Dir weinen und lachen?

frech sein und ernst?

mit Dir spaßen und albern?

mein Herz ausschütten mit allem was Not tut?

und Dir stolz zeigen, was ich kann,

was ich aus meiner Begabung gemacht habe?

So stelle ich mir einen Vater vor. Meiner war nicht ganz so, er hatte seine Grenzen. Er hat es zwar ganz gut gemacht, ... aber wenn ich mir einen Gott-Vater vorstelle, dann wäre der so!

andere Sprechergruppe (S3):

Gott, ist König!

Ein Vater,

der sitzt nicht auf einem Thron,

wie es in so vielen Liedern heißt,

S1:

... bist Du fern und unerreichbar wie ein König? Oder bist Du ein Vater?

 

Und das Bild aufgeklärter moderner Gottessucher: Das Göttliche, in allem und jedem, in edlen Steinen und ganz abstrakt;

bist Du so - oder ein Vater?

Bist Du das "Nichts" oder das "Alles"?

Bist Du ein Fremder oder ein "Irgendjemand"?

Bist Du der "Ober-Chef"

oder der "Alte Trottel" mit weißem Bart?

 

Oder bist Du das "Etwas", das dort anfängt,

wo unsere Erkenntnis aufhört, das unbekannte Etwas,

das mit unserer wachsenden Erkenntnis immer kleiner wird?

 

Bist Du ein Gesetz oder ein Buch?

Bist Du mein Besitz?

Nein! Keiner kann über Dich verfügen!

 

...

 

Du bist Vater, sagst Du,

ein Vater zu dem ich Du sagen kann,

ein Vater, der auf zwei starken Beinen neben mir auf dem Erdboden steht,

ein Vater, der zu mir gehört und der mich liebt,

... soll ich mir das so vorstellen?

 

Ein Vater, der mich frei gibt und meinen Weg gehen läßt,

ein Vater, der mich nicht gängelt und sich an meinem Glück freut.

 

Bist Du so?

 

... ja wirklich ...

 

 

Danke!

 

S2:

Vater unser

S1:

ein gemeinsamer Vater,

unser Vater,

- ich habe also Geschwister. ...

der neben mir hier auf der Kirchenbank?

Und der heute früh, der mich auf dem Weg hierher angebettelt hat, wahrscheinlich weil der Schnaps schon aus war. Der auch?

...

Meine Not und meine Freude teilst nicht nur Du mit mir,

ich muß mich nicht immer nur an Dich klammern, wenn ich reden will.

...

Ich hab Dich nicht alleine, ich bin nicht alleine,

... für alle, die krank und verlassen sind ...

haben wir gerade gebetet.

Der heute früh war sicher beides, wenn ich mir das so überlege.

...

Ja, meine Geschwister, das ist so eine Sache für sich. Die denken nicht immer so wie ich. Ich muß mich manchmal heftig streiten.

Auch über Dich.

Die sehen Dich manchmal ganz anders wie ich. Und dann zanken wir uns und ich streite eifrig für meine Vorstellung, obwohl ich ganz innen doch unsicher bin.

Mich stört vor allem, daß die anderen sich so sicher geben.

S2:

"Ich bin der Herr, Dein Gott, Du sollst keine anderen Götter neben mir haben"!

S1:

Ein Gott, Der Gott Israels, ein Gott und viele Götzen? Und doch so viel Unsicherheit!

Du kannst doch nur einer sein,

Du kannst doch nicht zweierlei, dreierlei, viererlei ... sein!

Und wenn die anderen sich darin so sicher sind, wer Du bist, dann darf ich nicht mehr suchen.

Dagegen muß ich mich wehren, verstehst Du das?

...

Was sagst Du? ... Mir bist Du mein Vater

und jenem sein Vater.

Ich und jener sind verschieden, so verschieden wie Du uns gemacht hast.

 

Du meinst: Warum sollten wir nicht auch Dich verschieden sehen? ...verschiedene Bilder von Dir haben.

...

Aber uns beiden bist Du Vater; wir sind Brüder und Schwestern; Dein Sohn Jesus ist auch unser Bruder. Das wäre für mich logisch.

...

Vater unser, unser Vater, danke, daß ich nicht alleine bin mit Dir.

 

 

 

S2:

Vater unser im Himmel

S1:

Hoppla! Also doch: Du bist fern! Fern in irgendeinem Himmel! Unnahbar, fern, transzendiert, irgendwo!

Wirklich? ...

Was sagst Du da??

... der Himmel hier? Der Himmel auf Erden?

Wenn wir davon nicht so weit entfernt wären, dann könnte man ja daran weiterdenken. Der Himmel auf Erden, das glauben nur Träumer und Phantasten, mein lieber Gott! Not ist hier und Krieg an vielen Stellen, - von wegen "Himmel"!

...

Wirklich?

... in aller Not, in meiner Not, auch "Himmel"? "Himmel", den Du gibst, der Deine Umgebung einfach ist.

Dort wo Du bist, ist Himmel?

Was soll das? Was unterscheidet Not "ohne Himmel" von Not "mit Himmel" - Not ohne Dich von Not mit Dir? Das müßtest Du mir schon erklären!

 

Himmel - nicht der vom Auto oder Himmelbett, nicht der mit den Regenwolken und auch nicht das Universum mit allen Galaxien?

Welcher dann?

 

Himmel hier, Himmel dort, wo Du bist ... sagst Du.

Steht das Wort "Himmel" für

"überall",

"ohne örtliche Begrenzung" und

"ohne zeitliche Begrenzung"? Einfach für

"grenzenlos"?

Dann bist Du ohne Zeit und ohne Raum.

Das ist für mich unvorstellbar. Das bist Du auch?

Ein Vater und ohne Grenzen!

...

Himmel, wo Du nahe bist,

Himmel, wo Du Vater bist,

Himmel, wo Du Tränen trocknest,

Himmel, wo Du dich an meinem Glück freust,

Himmel, wo Deine Schöpfung sich entfalten kann,

...

Dann bist Du also Vater und bist ein universeller Gott,

ein Gott im ganzen Universum

und darüber hinaus.

Ein Gott der das Universum geschaffen hat.

Ein Gott der sich in seiner Schöpfung zeigt und über der selben steht.

 

Du Gott ... nicht begrenzt? Aber das heißt doch:

nicht auf einen Raum begrenzt,

nicht auf eine Zeit begrenzt,

nicht auf eine Sprache begrenzt,

nicht auf ein Bild von Dir begrenzt,

nicht auf einen Namen begrenzt,

nicht auf eine Offenbarung begrenzt,

nicht auf eine Wahrheit begrenzt,

nicht auf die Grenzen meiner Vorstellungskraft begrenzt!

... wie könntest Du sonst im Himmel sein?

 

 

S2:

... geheiligt werde Dein Name

S1:

geheiligt, auch das noch!

"Vater" und "geheiligt",

das krieg ich nicht auf einen Nenner! Tut mir leid, Du verlangst zu viel von mir.

Geheiligt, heilig, das ist so fern, so unnahbar, so entrückt. Es ist so fremd! ...

 

Mir lief noch nie jemand über den Weg und stellte sich vor: "Gestatten, ich bin der heilige XY". Dann hätte ich vielleicht eine Vorstellung, was das sein soll. Aber so?

...

Was soll das "heilig"?

Was sagst Du? -

 

 

S4:

Wasser und wässrig,

Sumpf und sumpfig,

Salz und salzig,

Sand und sandig,

S1:

was soll das?

...

S4:

Heil und heilig!

S1:

Du meinst, Heilig, das ist

"voll Heil",

"heilvoll"

und nicht "unheilvoll"? ...

 

Oh ja, so kann ich das annehmen! Voll Heil und voll Heilungskraft bist Du, Gott Vater! Unser Vater, unser Vater im Himmel, unser heilvoller Vater, der über Zeit und Raum, über Gesetz und Wissenschaft steht, unser heilvoller Vater im Himmel! Das bist Du? Wirklich? ... Ich danke Dir!

 

 

S2:

Dein Reich komme,

Dein Wille geschehe ...

S1:

... nicht mein Wille?, nicht mein Reich(-tum)?

Also willst Du mich doch gängeln? Ich hab Dich ertappt!

...

Aber es ist doch andererseits absurd zu glauben, daß Du gängeln und unterdrücken willst, wenn eben von "Vater" und "Vater unser" die Rede war!

... Wie meinst Du?

S4:

Ein guter Vater gibt frei, ein guter Vater hilft und leitet. Ein guter Vater will, was für die Kinder gut ist.

Ein guter Vater drängt diesen seinen Willen aber nicht auf.

S1:

Ja ... aber ... ach so, du meinst,

daß ich

aus genau diesem Grund will, daß Dein Wille, Deine Führung, Deine Hilfe mir zu gute kommt: Dein Wille geschehe.

Daß ich das selber will.

Und ...

mein Vertrauen zu Dir soll eine gute Basis haben:

Deinen Einflußbereich, Dein Reich!

 

S2:

... wie im Himmel, so auf Erden

S1:

Dein Reich komme; dein Reich ist nicht von dieser Welt, so sagt jedenfalls Dein Sohn Jesus, ja so sagtest letztendlich Du selbst, denn es steht geschrieben

S4:

"Ich (Jesus) und der Vater sind eins ...",

S1:

so sagtest also Du selbst, als du von Pilatus nach deinem Königreich befragt wurdest.

Also ist dein Reich im Himmel? Oder wo ist dein Reich?

... Wie hast Du vorher gesagt? ...

 

--

Himmel ist, wo Du nahe bist,

Himmel ist, wo Du Vater bist,

Himmel ist, wo Du Tränen trocknest,

Himmel ist, wo Du dich an meinem Glück freust,

Himmel ist, wo Deine Schöpfung sich entfalten kann,

 

Du bist Vater und Du bist ein universeller Gott, ein Gott im ganzen Universum und darüber hinaus. Ein Gott der das Universum geschaffen hat. Ein Gott der sich in seiner Schöpfung zeigt und über der selben steht.

Du bist nicht begrenzt

--

 

... so haben wir - Du und ich - besprochen, als wir beim ersten Satz des "Vater unser" gewesen waren.

 

Wie im Himmel, so auf Erden...,

natürlich:

... wenn und

soweit und

weil der Himmel unseren Lebensraum Erde durchdringt.

 

S2:

Unser täglich Brot gib uns heute

S1:

... Oh Gott! jetzt hör mir mal zu:

Welch eine Bitte für uns Westeuropäer. Wenn wir nur mit Brot zufriedenzustellen wären! Bitte nicht nur Brot!! Das Lebensminimum umfaßt weit mehr. Und ein Bisserl mehr als das Lebensminimum sollte es doch sein dürfen, oder nicht?

Bei Brot und Wasser hält man nicht einmal Gefangene in unserem aufgeklärten Land.

 

Und die, denen das Brot fehlt, die sind doch allemal selbst Schuld. Mit der Pille wäre dort viel Not zu beseitigen! Und wenn die Stammesfürsten von Afrika bis ... nicht so gerne Krieg spielen würden, dann hätte unsere Hilfe ja Sinn. Also bitte keine emotionale Gefühlsduselei von wegen "Not in der Welt" und "Brot für die Welt"!

 

... Was meinst Du?

Wie? ...

S5:

Um eine Tonne Dünge-Stickstoff künstlich herzustellen, benötigt man ca. 1,2 Tonnen Rohöl.

S1:

Ja, weiß ich. Und was hat das mit dem "täglich Brot" zu tun? ...

S5:

Das heute bekannte Erdölvorkommen auf unserem Planeten reicht noch für ca. 50 Jahre, wenn wir nicht stetig mehr verbrauchen. Selbst wenn man noch große Öl-Felder entdecken sollte, dann wird aus den 50 Jahren nicht eine sehr lange Zeit, gemessen an der erdgeschichtlich kurzen Zeit zwischen Augustus, Pilatus, Jesus und heute.

S1:

Ach so, Du meinst, ohne Kunstdünger sieht es "mau" aus, um unsere Brotvorräte.

S5:

Und das Klima bringen wir auch in's Trudeln.

S1:

...

Oh Gott, Du hast uns in ein kleines Boot gesetzt, uns gesamte Menschheit. Wir sitzen auf einer dünnen "Eierschalen"-Kruste aus erstarrtem Magma, unter einer dünnen Hülle lebensspendender Luft, hängen am Tropf eines wohldosierten Energieflusses von der Sonne zu uns, umgeben von unvorstellbaren Räumen fast unendlicher Weite, die soweit unsere Erkenntnis reicht, kaum irgendwo ähnliches Leben ermöglicht, wie wir es hier für selbstverständlich erachten.

...

Unser tägliches Brot gib uns heute. Man könnte verzweifeln an der Verletzlichkeit unseres Lebensraumes, noch mehr verzweifeln an dem sorglosen Umgang, den wir Menschen pflegen mit diesem kostbaren Gut. Ja Gott, erhalte unseren Lebensraum, erhalte, was Du uns gegeben, erhalte unser Ökosystem inklusive der Spezies Mensch. Gib uns unser tägliches Brot, gib es uns heute. Gib uns Verantwortung, daß wir das Morgen nicht vernichten und gib uns das Vertrauen, daß Du uns erhältst. Gib uns das heute.

...

Gib uns, was unser Körper zum Leben braucht. Gib mit dem Brot die Freude an aller Nahrung. Gib mit dem Brot die Freude an unserem Körper, den Du so wunderbar gemacht hast: Mit allen Fähigkeiten und Fertigkeiten und der Freude daran, mit aller körperlichen Lust, mit allen Reizen, Zärtlichkeiten und Wohlgefühlen. Ja, Vater, so hast Du uns Menschen gemacht und gewollt. Es muß Dir eine Freude sein, wenn wir das genießen, was Du für uns gestaltet hast. Nur so kann ich Dich als liebenden Vater begreifen.

 

Gib uns unser tägliches Brot, gib es uns heute.

S2:

... und vergieb uns unsere Schuld

S1:

Schuld? Nein!

Nein, ich kann doch nichts dafür. Die Umstände haben mich so gemacht. Die Umwelt, ja die Umwelt, die Menschen um mich herum, ja die Menschen, die sind doch alle gleich, da bleibt einem doch garnichts anderes übrig, als auch zu gucken, wo man bleibt. Sieh doch, die Großkopfeten, die können sich alles erlauben, alles von der Steuer absetzen und den Rest hinterziehen und wir Kleinen zahlen die Zeche. Wir müssen arbeiten und uns zieht man alles wieder ab. Ja so ist die Welt, du Gott du! Und was sie Großen nicht hinterziehen und betrügen, das fressen uns die Taugenichtse und Sozialbetrüger, die Wirtschaftsflüchlinge und Scheinasylanten weg. Da bleibt nicht die Butter auf dem Brot. Sogar die Leichtmetallfelgen für meinen neuen Wagen hab ich weglassen müssen, die waren einfach nicht mehr drin.

Und den Schiurlaub können wir uns auch nicht mehr leisten, seit alles teurer ist und die Kinder größer werden. Da bleibt nur noch der Sommerurlaub mit so nem billig-Klipper auf die Balearen oder so, wo jeder hingeht. Nichts Besonderes.

...

Und da sprichst Du von Schuld? Wir sind die Zahlmeister, nicht die Schuldner!

...

Oder meinst Du "33" bis "45"? Erstens war ich da noch garnicht auf der Welt und zweitens kann ich Dir zwanzig Stellen in meinem Geschichtsbuch zeigen, wo andere genauso schlimm waren oder schlimmer. Die sollen doch nicht so tun!

...

Daß ich gestern so aufbrausend war, meinst Du das? Na irgendwann platzt einem einfach der Kragen. Ist das denn so schlimm? Wenn der das nicht verkraftet, dann braucht er mir auch nicht so zu kommen! Der ist selber schuld, wenn er ab und zu eine übergebraten kriegt. Ist doch war! Das hält doch kein Pferd aus. Also komm mir bitte nicht damit, von wegen Schuld. Ich denk nicht dran, auf dem Bauch zu dir zu kriechen und untertänigst um Vergebung meiner Schuld zu bitten.

Nein!

...

Ich bin ein ordentlicher Mensch, zahl fast alle meine Steuern, liege niemandem auf der Tasche, erziehe meine Kinder gut - die kriegen echt alles von mir - und habe meine Frau noch nie geschlagen. Also was denn?

...

Was - mein nervöser Magen? Was hat'n das mit Schuld zu tun? Den hatte schon mein Vater, liegt in der Familie. Und bei dem Streß heutzutage, na ist doch kein Wunder, oder? Den nervösen Magen, den kannst du mir aber nicht "vergeben", den kriegt ja nicht mal mein Hausarzt weg. Der hat mich zum Psychologen schicken wollen. Ich tick doch noch richtig, was soll ich beim Psychologen oder Psychiater. Die wollen doch auch nur abkassieren.

...

Schön wärs ja schon, wenn ich den nervösen Magen nicht hätt. Ist manchmal echt unangenehm. Ich muß einfach zu viel Ärger runterschlucken. Oft kann man den ja nicht rauslassen, so zum Beispiel beim Chef, oder so. Manchmal fürcht ich mich auch morgens vor dem Tag. Geht aber dann wieder weg, wenn man erst mal richtig auf den Beinen ist. Das hat doch aber alles nichts mit Schuld zu tun, wieso red ich da jetzt davon?

...

Ja, du hast das Stichwort gegeben und ich bin gleich dabei hängen geblieben.

...

Ich geb mir doch Mühe, daß ich alles richtig mach. Aber wer kann das schon?

Mehr kannst Du doch auch nicht von mir erwarten. Und dann hab ich halt manchmal Angst, daß jemand merkt, daß da nicht alles so toll ist, wie ich das gern hinstell.

Manchmal muß ich da schon was vertuschen, muß ja nicht gleich jeder merken, wenn ich mal Mist gebaut hab. Gelingt mir in der Regel auch ganz gut, das zu vertuschen. Deshalb komm ich mit denen ja auch so gut aus. Die denken ja oft sogar, ich könnt wirklich alles so toll. Wenn die das merken würden, das wär echt Scheiße!

...

Wieso red ich jetzt davon? Macht doch jeder so. Muß man heute doch so machen, denn wenn du nicht gut bist, bist du ganz schnell weg vom Fenster, im Geschäft und auch in der Clique. Wär echt toll, wenn die auch mal was nachsehen würden. Aber dann heißt's gleich: "Guck den an, was der wieder verbockt hat!" So ist das halt. Echte Freunde gibts nur noch ganz selten. Die würden das nämlich anders machen. Die würden drüberweg sehen und vielleicht sogar helfen. ...

vergib mir meine Schuld ...?

 

Bist Du so ein Freund? Siehst Du drüberweg?

... Wie? ...

Sonst würdest Du uns ja nicht diese Bitte in den Mund legen. So hab ich das noch nie gesehen!

Aber das wär echt toll!

 

 

S2:

... wie wir vergeben unseren Schuldigern ...

S1:

dann meinst Du damit auch nicht unbedingt solche Großtaten, daß man die rechte Backe hinhalten soll, wenn einer auf die linke geschlagen hat, sondern zunächst einfach, daß wir auch mal so drüberweg sehen bei den anderen, auch wenn die das nicht so machen? Das wär logisch. Und eigentlich gar nicht so schlecht. Gute Idee!

 

 

S2:

... und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen ...

S1:

Jetzt sehe ich da natürlich auch nicht mehr den lächerlichen Teufel mit den Hörnern und dem Pferdefuß oder das Rotlichtmilieu, vor dem Du uns schützen sollst und auch nicht die Süße Versuchung von Lindt oder Ferrero,

sondern in erster Linie die Versuchung, alles recht machen zu wollen, weil niemand drüberweg sieht, wenn mal was schief geht oder den allgemeinen Erwartungen nicht entspricht.

 

Ja führe mich nicht in Versuchung,

immer perfekt sein zu wollen;

... nicht in Versuchung,

immer besser sein zu wollen als andere,

eine gute Rolle zu spielen,

mich immer zu vergleichen was der andere mehr hat und besser kann als ich, ...

 

Erlöse mich von dem Übel

der Resignation und

der Angst,

gib mir wieder Freude an mir selbst, an dem, wie Du mich gemacht hast. Mach mich zufrieden!

 

 

 

Erlöse mich von dem Bösen und von dem,

was mich Böse macht:

Von meinem

"Haben wollen" und

"Gelten wollen".

 

Mach mich frei!

Schenk mir die Liebe

zu mir selbst,

zu den Menschen und

zu Dir!"

S2:

... denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit

Amen.

S1:

 

Das hatte die Gemeinde schon lange hinter sich. Und auch das Grußwort des Bischofs, die Verstorbenen der Gemeinde und die Hinweise auf die weiteren Veranstaltungen hatte ich nicht mitbekommen. Ich ließ mir von all dem nichts anmerken, erhob mich mit dem ganzen Kirchenvolk von meiner Bank um hinauszugehen. Ich spürte eine innere Freude, wie ich sie selten nach einem Gottesdienst empfunden hatte.