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Ostern (verfasst in den 1990-er Jahren)

Am Anfang war etwas und dann auch der Mensch. Und er dachte sich: "Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. ..." und damit schuf der Mensch Gott ihm zum Bilde, zum Bilde des Menschen schuf er ihn, denn er konnte sich einen Gott nicht anders vorstellen.

Und der Mensch spürte, daß er dem, der Himmel und Erde geschaffen hatte, mit seiner Vorstellung nicht gerecht werden konnte. Also verbot er sich selbst, diesem Gott einen Namen zu geben. Jeder Name hätte diesen Gott unzulässig beschränkt. In Ehrfurcht vor der unaussprechlichen Größe dessen, der Himmel und Erde geschaffen haben muß, bedrohte er sogar jeden mit Strafe, der es wagen sollte, diesem Gott einen Namen zu geben. Und ihm waren die Schriften "heilig", in welchen er niedergeschrieben hatte, was er über Gott und dessen Beziehung zum Menschen empfand, dachte und erlebte.

Der Mensch war nicht einer, sonder es waren viele. Viele, verstreut über eine unvorstellbar große Erde. Und so geschah es, daß nicht alle Menschen in der gleichen Weise mit Gott um gingen. Einige empfanden Schöpfergeist und -Kraft in unterschiedlicher Weise in den Elementen und Ereignissen, in denen diese Schöpferkraft schaffend und zerstörend ihm, dem Menschen, begegnete. Und so schufen sie sich viele Götter, jeder mit einem Namen und einer speziellen Beziehung zu den Naturgewalten. Es waren große mächtige und kleine, weniger mächtige Götter, es waren liebevolle und grausame, über- und untergeordnete, lustvolle und asketische, ...

Und die Menschen begegneten sich; Völker stießen aufeinander und gerieten in Streit. Und deren jeweiligen Götter mußten mit streiten. Manchmal verlieh der feste Glaube an den Beistand des eigenen Gottes übermenschliche Kräfte. Der Sieg im Streit, er war ein Sieg des Glaubens, ein Sieg des eigenen Gottes.

Ein fester Glaube war aber nicht leicht zu finden. Angst, Zweifel, Not, Ablenkung, all das und vieles andere mehr zerstreute die Sinne und machte den Menschen schwach. In guten Zeiten ging von dieser Schwäche kein Schaden aus, aber in Not und Bedrohung fehlte dem zerstreuten Menschen die Kraft zum Überleben, zum Sieg gegen die Bedrohung. Also schuf sich der Mensch Objekte der Konzentration. Er baute Altäre, Orte zur Konzentration auf Gott. Und weil er wußte, wie wohltuend ein Geschenk, wie wohltuend das Teilen der Nahrung und Beute für die Gemeinschaft der Menschen ist, deshalb suchte er, die Gemeinschaft mit seinem Gott in der gleichen Weise zu pflegen. Er benutzte die Orte der Konzentration, die Altäre, um seinen Gott in seine Gemeinschaft einzubinden. Er tat dies, indem er seinem Gott auch von dem abgab, was die Natur ihm schenkte oder was er der Natur abgetrotzt hatte. Wie sollte er das aber tun mit einem Gott ohne Namen, ohne Fleisch und Blut? Was blieb dem Menschen anderes übrig, als das, was er seinem Gott schenken wollte, zu verbrennen, denn, täte er es nicht, wäre das Geschenk weiterhin da, hätte es der Gott nicht angenommen. Und der Mensch nannte dieses Tun Opfer. Und er schuf sich Regeln, wie, wo und wann geopfert werden sollte, damit er regelmäßig und in vertrauter Weise seine Konzentration auf seinen Gott einüben konnte.

Und der Mensch lebte in einer Welt ohne Gesetz und Ordnungsmacht. Keine Polizei, kein Staatswesen in unserem heutigen Sinn, keine Gerichte und keine Legitimation. Anarchie, Mord und Raub, wer sollte dem Einhalt gebieten außer der eigenen Verteidigungskarft? "Auge um Auge, Zahn um Zahn ..." formulierte der Mensch seine Erfahrung und erhob sie zum göttlichen Recht. Damit war all denen eine Grenze gesetzt, die dieses göttliche Recht anerkannten. Verteidigung: ja!, Bestrafung einer bösen Tat: ja! Mehr aber nicht. Keine Aggression ohne Legitimation, ohne Grund, ohne einen Grund, der auch für andere Menschen nach Art und Charakter nachvollzogen werden konnte!

Und der Mensch erkannte, daß das göttliche Recht eine gute Einführung war. Es half zu ordnen und der sinnlosen Zerstörung Einhalt zu gebieten. Es half der Konzentration und schaffte Ordnungsstrukturen, die das Zusammenleben erleichterten.

So schuf sich der Mensch 10 göttliche Regeln als Grundordnung. Damit deren Gültigkeit nicht in Frage gestellt werden konnte, war die erste Regel: "Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine anderen Götter neben mir haben." Das verhindert den Streit um Rechtsordnungen: Wer sich außerhalb diese Rechtsordnung begibt, hat den geschützten Rechtsraum verlassen, weil er die erste (und wichtigste) Regel verlassen hat. Er ist vogelfrei.

Manche Menschen versuchten aber auch sich selbst Vorteile und Macht zu verschaffen, indem sie das göttliche Recht für sich in Anspruch nahmen.

Natürlich genügen 10 Regeln nicht, um alle Belange eines immer komplexer werdenden Zusammenlebens zu ordnen. Der Mensch schuf sich ein komplexes Gebäude von Regeln und Gesetzen. Alle waren nur legitimiert aus Gott!

Die älteste Übung zu Konzentration auf Gott, das Opfer, hatte große Bedeutung in diesem Regelwerk. Und weil der Mensch sehr viel Gefallen an Ordnung und Macht gefunden hatte, baute er sein Regelwerk so fein aus, daß kaum ein Mensch sich mehr frei entfalten konnte, ohne gegen irgendwelche Regeln zu verstoßen. Gott wurde zum Buchhalter, der genau zählt und aufpaßt, ob jeder allen Regeln gehorcht. Und weil dieser Gott besser als jeder Geheimdienst in´s Verborgene sieht, war das göttliche Regelwerk ein gutes Instrument, ein Volk zu beherrschen.

Und der Mensch hatte sich weit entfernt, von dem namenlosen Gott "ich bin der ich bin". Er hatte dem Gott den Namen vieler Gesetze gegeben, er hatte dem Gott das Bild prunkvoller Altäre und Tempel gegeben. Und doch war noch immer das Gesetz enthalten, daß der Namen dieses Gottes nicht genannt werden darf. Und trotz Buchhaltereigenschaften und Geheimdienstmanier war der Gott auch der verborgene und unnennbare geblieben, der, der größer ist als jeder Name dies ausdrücken könnte und größer als dies jedes Bild darstellen könnte.

Und Gott sah, daß der Mensch überfordert war. Und Gott sah, daß der Mensch in seinem göttlichen Gesetzes-Dickicht zu ersticken drohte. Und Gott sagte sich, ich will nicht für die Menschen im Bild des Buchhalters gefangen sein, will ich nicht ein Gott sein, der Opfertiere zählen muß. Ich habe die ganze Welt geschaffen, bin für Menschen unbegreifbar und will doch dem Menschen ein Bild von mir, einen Namen geben, weil er ohne dies erstickt.

Aber wie kann ich das so tun, daß der Mensch dies nicht als Widerspruch zu seinem heiligen Regelwerk sieht. So, daß es der Mensch begreifen kann. Wie kann das nur gehen?

Und Gott konnte zum Menschen nur in der Sprache sprechen, die der Mensch verstehen konnte, in der Sprache des Buchhalters. Der Mensch lebte in einer Rechtsordnung, die Verfehlungen mit Opfern aufwog. Was konnte der Gott tun, um diesem ein Ende zu bereiten?

Er gab dem Menschen ein Bild: Gott wurde Mensch und nannte diesen Menschen seinen Sohn.

Er gab dem Menschen eine Botschaft: Der Sohn Gottes sprach von Selbstliebe, Menschenleibe und Gottesliebe anstatt von Bilanzen. Und er setzte den geringsten unter den Menschen, als seinen Stellvertreter ein: "was Ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan." Damit verankerte er die Liebe zu Gott in der Liebe zu den Armen und Rechtlosen.

Er gab den Menschen ein Zeichen: Er manifestierte das "Mega-Opfer", das unübertreffbare Opfer, das Opfer, das jedem Menschen verständlich machen muß, daß alles weitere Opfern demgegenüber unsinnig geworden ist: Er opferte sich selbst.

Und Gott wollte, daß der Mensch erkennt, daß er größer ist, als ein Buchhalter und größer als ein Gesetzbuch und umfassender, als eine Lehre und unfassbarer als jede Wissenschaft.

Und die Menschen verstanden wenig: Sie opfern noch heute, sie quälen sich noch heute mit göttlichen Gesetzen herum und streiten sich über das richtige Bild von Gott. Sie machen Gott zur Wissenschaft und die Wissenschaft zum Gott. Sie zanken sich um Wahrheitsmodelle.

Manche Menschen versuchen auch die Liebe zu begreifen, setzen die Liebe über die menschlich beschränkten Wahrheiten und Wichtigkeiten, setzen das Horchen auf den unfassbaren Gott, die Konzentration auf den Glauben über Rituale und Gepflogenheiten.

Gott hat diese Welt geschaffen, steht über Zeit und Raum und über dem menschlichen Begreifen. Und dieser Gott ist so gnädig, daß er uns ein lebendiges Zeichen gab in Christus, ein Zeichen das die Grenzen unserer Erkenntnisfähigkeit respektiert: Er wurde Mensch und lebte unter uns. Und wir dürfen ihn auch heute als "Du", als menschlichen Gott mit den Eigenschaften eines Freundes, Bruders, einer Schwester, eines Vaters oder einer Mutter ansprechen.